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Volljährig

Wie in vielen Familien bei solchem Anlass beginnt in diesen Wochen auch bei uns - den
'Eltern' des Eine-Welt-Ladens in der Markus-Kirche - die Rückschau: Unser 'Kind' ist
volljährig geworden! Nun ist es Zeit zum Innehalten. Und zur Dankbarkeit: Zur Jahreswende feiern wir das
20-jährige Bestehen der Eine-Welt-Arbeit in unserer Gemeinde!

Erste Auseinandersetzung mit dem Thema

Unter der Leitung von Ehepaar Knöfler hatten wir damals mit Informationsabenden
begonnen, bei denen wir zunächst Kenntnisse über die spezifischen Probleme der sog. 3.-
Welt-Länder der Südhalbkugel erwarben. Wegen der Partnerschaft des Kirchenkreises mit
einer Gemeinde auf den Philippinen bestand besonderes Interesse an den Belangen und
Problemen dieser Gegend, und wir identifizierten uns rasch mit dem geplanten Förder-
projekt, der Unterstützung von Familien mit Kindern, insbesondere: Richtige Ernährung,
Schulmaterialien und Gesundheit.

Beginn des Verkaufs

Aufgrund des langen organisatorischen Vorlaufs konnten wir jedoch aus ersten Verkaufs-
erlösen bereits vor der ersten Geldüberweisung für die genannten Zwecke eine Spende an
die Pfarrer in Kinderhaus für die caritative Arbeit in unserem Ortsteil übergeben!
Ja: Nach Wochen der ersten intensiven Einarbeitung in die Problematik der schweren und
oft nicht ungefährlichen Arbeits- und Produktionsbedingungen bei verschwindend geringer
Entlohnung - die Gewinne werden von den Anlegern an der Börse gemacht - hatten wir mit
einem kleinen Verkauf begonnen. Dabei standen uns zunächst besonders die ,Kollegin-
nen' der benachbarten katholischen St. Josef-Gemeinde zur Seite, die uns mit einem
ersten Grundsortiment an Waren, mit ihrem praktischen ,know-how' und bei besonderen
Anlässen wie dem ,KiKi' auch mit ihrer originellen Marktbude ausstatteten, sowie die
Markus-Kirchengemeinde, die uns einen Start-Kredit für unseren ersten Einkauf zur
Verfügung stellte.
Am Anfang barg der schwere Servierwagen aus Holz, der immer für Gemeindeveranstal-
tungen bereitsteht, unser kleines Angebot, das wir im Flur und im Foyer der Kirche präsen-
tierten, später wagten wir uns ,bei Wind und Wetter' an Markttagen mutig nach draußen.
Als wir in einem besonders kalten Winter festzufrieren drohten, lieh uns eine freundliche
Marktbeschickerin für eine Weile den Wärmestrahler aus ihr Bude.
Irgendwann kamen dann selbst geschreinerte Regale auf Rollen dazu - unser Angebot
wuchs!
Die exponierte Stellung im Marktgeschehen liess uns schnell bekannt werden.
Es gab fruchtbare Verkaufsgespräche wie auch ablehnende Reaktionen - die Waren aber
litten unter den stark wechselnden Temperaturen, und für uns Mitarbeiter war das ständige
Räumen und Tragen sehr anstrengend...

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Für einen Interimszeitraum von 1-2 Jahren durften wir zusätzlich donnerstags morgens
im Bürgerhaus den Kaffeeausschank betreiben, leider ohne das erwünschte Echo: Die
Kaffeesorten, die uns damals zur Verfügung standen, entsprachen mit Röstgrad und Aro-
ma nicht immer dem an einen bestimmten Geschmack gewöhnten Gaumen. Auch der
Motivationshintergrund unseres Einsatzes wurde teilweise negativ gedeutet.

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Ein eigener Laden

 

Es fügte sich gut, dass wir in der 2. Dekade unserer Arbeit von der Kirchengemeinde einen
,eigenen' kleinen Raum zur Verfügung gestellt bekamen, den wir als ,richtigen' Laden
einrichten durften!
Hier kam es bald immer wieder vor, dass Stammkunden den Raum zum Verweilen und für
persönliche Gespräche nutzten. Sogar ein Telefon stand uns zur Verfügung, denn auch
Notfälle ließen sich nicht ausschließen: Bereits zu Beginn unserer Tätigkeit dort war eine
Teamkollegin Opfer eines ausgeklügelten Diebstahls geworden.
Zwar waren wir mit unserem Laden nun aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden - es
gab keine Laufkundschaft mehr, einzelne Kunden verabschiedeten sich mit Bedauern über
die abgelegene Lage, und selbst Jahre später hatten etliche Kinderhauser uns immer noch
nicht entdeckt - doch kehrte nun in unsere Arbeit eine gewisse Ruhe ein, die wir schöpfe-
risch nutzen konnten!

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Kooperation mit Schülern und Konfirmanden

 

Wir suchten Kontakt zu den hiesigen Schulen (zu besonderen Anlässen wie Elternsprech-
tagen waren wir ohnehin damals mit einem Verkaufstisch im Schulzentrum vertreten), und
e i n e Religionslehrerin griff das Anliegen auf. So entstand für 2 Jahre eine intensive
Zusammenarbeit mit ihr und einer Schulklasse, die sich zunächst von uns über die The-
matik unterrichten ließ und danach mit unserer Unterstützung regelmässig einen eigenen
kleinen Verkauf in der Schule organisierte. Hefte und Druckerpapier mit dem ,Blauen
Engel', Bananen und kleine Snacks boten sich für den Pausenverkauf an, und zu Eltern-
sprechtagen ergänzte die Lehrerin das Angebot mit Kaffee, Tee und weiteren Produkten.
Wir freuten uns riesig über dies Engagement, zumal das Mitwirken der Schüler für uns die
Anbindung an Jugendliche bedeutete.
Leider fand diese Arbeit ein abruptes Ende, als die Lehrerin nach Süddeutschland verzog.
Wie problembewusst und einsatzfreudig die Jugendlichen aber weiterhin sind, zeigte im
vergangenen Jahr der Versuch einzelner Mädchen einer Politik-AG, den regelmässigen
Pausenverkauf wieder aufleben zu lassen - auf sich selbst gestellt war es allerdings eine
Überforderung, ohne dass nennenswerte Verkaufserfolge erzielt worden wären. An dieser
Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön für alle Mühe!!
Parallel entwickelte sich in unserer Gemeinde der Austausch mit den Konfirmanden und
K3-Kindern, denen wir unsere Arbeit vorstellen dürfen. Dies ist inzwischen ein fest etablier-
ter Bestandteil unseres Einsatzes, und wir freuen uns, wenn die Konfirmanden an einzel-
nen Sonntagen unter der Anleitung von Frau Trubel selbst den Laden öffnen.

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Umzug ins Foyer

 

Was den Standort angeht, so hat es vor wenigen Jahren noch einmal eine entscheidende
Veränderung gegeben: Wir sind umgezogen ins Foyer der Markus-Kirche!
Dass man uns jetzt dort findet, war zunächst nicht für jeden nur wünschenswert (ein Laden
in der Kirche???), aber das Foyer hat sich in der letzten Zeit zunehmend zu einer offenen
Begegnungsstätte entwickelt, wo man Berührungsängste verliert, miteinander ins Ge-
spräch kommt und laute fröhliche Kinder auf Tretrollern antrifft! Hier wird geturnt, getanzt,
und nun gibt es hier auch den ,Fairen Handel', der nichts mit Geschäftemacherei im
üblichen Sinne zu tun hat. Vielmehr lenkt er den Blick auf das Engagement der Kirche, die
sich nicht nur für die Belange der Menschen vor Ort, sondern auch für die Linderung der
Not entfernterer Teile unserer einen kleinen Welt einsetzt, mit denen sie sich durch
Konsum und Verantwortung verbunden weiß.
Unser Hauptverkaufstag ist der Donnerstag geblieben - dienstags bieten wir einen
Nachmittagsverkauf an, der besonders für einzelne Berufstätige sowie für die Jugend
unverzichtbar ist. Aufgrund unserer Position im Foyer werden wir dann oft auch zur
Anlaufstelle für hilfesuchende Gemeindeglieder, die mit Fragen oder Anliegen zu uns
kommen.

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Die Faire Stadt Münster als Partner

 

Als freundlicher Partner hat sich uns gegenüber die Stadt Münster erwiesen. Aus ihrem
Budget für Vereinsförderung stellt sie uns alljährlich auf Antrag eine kleine Summe zur
Kostendeckung zur Verfügung. Unsere Arbeit geschieht ehrenamtlich, und es kommt nicht
selten vor, dass wir Auslagen für PC-Kosten u. Ähnliches aus eigener Tasche bezahlen.
Auch 2/3 der Kosten für den Schaukasten am Seiteneingang sind von der Stadt
übernommen worden; nach unserem Rückzug ins Gemeindehaus ist er für uns ein
wertvolles Medium, um die Bevölkerung über Angebote und Aktionen zu informieren.
Wir sind für diese Unterstützung sehr dankbar!

 

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In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir 2010 bei der Verleihung
des entwicklungspolitischen Nord-Süd-Preises der Stadt Münster mit dem 2. Platz und
einem Preisgeld von 1500,-€ bedacht worden sind, einer Summe, die wir zu 100% für die
Ziele unserer Arbeit eingesetzt haben.
Während der Laudatio der Jury wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich unter
den Bewerbern auch andere Eine-Welt-Läden befunden hätten, unsere Arbeit aber wegen
ihrer besonderen Vielseitigkeit honoriert werden sollte! Das war eine wunderbare Bestäti-
gung, da wir uns in den letzten Jahren zunehmend um eine nicht zu enge Interpretation
des Begriffes 'Eine-Welt-Arbeit' bemüht hatten.

Die Eine Welt beginnt HIER:
Aktionen für Mensch und Umwelt vor der eigenen Haustür

Als Beispiele seien einerseits unsere
Zeichen gegen Rechtsradikalismus genannt wie Schaukasten-Aktionen anlässlich von
Aufmärschen der NPD in Münster sowie andererseits die finanzielle Unterstützung eines
Aktionstages der Kinderhauser Waldschule gegen Fremdenhass und Rechtsradikalismus.
Ebenso hatten wir eine Unterschriftensammlung organisiert, als im Zuge von Sparmaß-
nahmen der Stadt Lernmittel für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr kostenlos
sein sollten. In diesen Fällen sahen wir uns direkt an unserem Heimatort gefordert.

 

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In den letzten Jahren hat sich ausserdem immer mehr herausgestellt, dass Eine-Welt-
Arbeit ohne das Thema Umwelt- und Klimaschutz nicht denkbar ist. Wenn auf biologische
oder schonende Produktionsmethoden in den sog. 3.Welt-Länden abgezielt wird, so kön-
nen wir es uns hier erst recht nicht leisten, Raubbau an unserer Umwelt zu betreiben.
Zudem haben Forschungen ergeben, dass die negativen klimatischen Auswirkungen un-
seres Tuns sich überwiegend in den ohnehin ärmeren Ländern der Südhalbkugel nieder-
schlagen. Insofern bemühen wir uns sowohl beim Angebot als auch bei Informationsver-
anstaltungen (Filmvorführung u. Vorträge u.a. mit der Umweltschutzgruppe ,Urgewald'
aus Sassenberg zum Thema Papier) darum, die Bedeutung der Umweltkomponente
herauszustellen. In dem Zusammenhang haben wir einen Versandhändler gefunden, der
selbst für sein Engagement für Umweltschutz und Nachhaltigkeit mehrfach ausgezeichnet
worden ist, und der immer wieder kleine Besonderheiten im Programm hat wie originelle
Deko-Artikel aus Recyclingglas oder Taschen aus PET-Einmalflaschen, Alufolie aus wie-
der verwendetem Metall oder Einkaufstaschen aus alten gepressten Lederresten.
Neben den Gegenständen des Direkt-Recycling wie Blechspielzeug/-deko von speziellen
Fairtrade-Organisationen sind das erste Hinweise, dass sich unsere ,Sammelwut' lohnt.
Bisher galt Deutschland als Meister beim Sammeln, nicht aber beim Verwerten der
gebrauchten Rohstoffe.
In diesem Zusammenhang sei auch auf unsere eigene kleine ,Recycling-Station' hinge-
wiesen: Wir nehmen gebrauchte Marken-Druckerpatronen entgegen, die von der Firma
Pelikan professionell wieder gefüllt/aufbereitet werden, sowie alte Handys, die für den
NaBu (Naturschutzbund Deutschland) eine wertvolle Einnahmenquelle darstellen: Die
Mobiltelefongesellschaften zahlen ihm bis zu 3€ je Handy und bedienen sich selbst der
wertvollen Rohstoffe/Metalle für die Herstellung neuer Geräte. Mit dem Geld plant der
NaBu eine Renaturierung des Havellandes mit der Wiederherstellung des alten Flusslaufs
samt Seitenarmen - in Zeiten von Naturkatastrophen wie den jüngsten Überschwemmun-
gen in Deutschland ein wertvoller Beitrag. Flussbegradigungen können die Gefahr von
Überflutungen erhöhen.

 

Zum Sortiment

 

Bei aller positiven Entwicklung unserer Arbeit mussten wir uns doch in der letzten Zeit
bei unserem Verkaufsangebot etwas einschränken. Unser Hauptzulieferer für Handwerksartikel hat aus Altersgründen seine Arbeit eingestellt -
es fand sich kein Nachfolger, der die Arbeit uneigennützig weiterführen wollte. So fehlte
sicherlich für einige Kunden der Anreiz, mal eben gucken zu gehen, was es im ,Lädchen'
gibt!? Mancher Gegenstand war zuvor eine willkommene Alternative zu den im Ortsteil
üblicherweise zu erwerbenden Waren gewesen. Inzwischen haben wir über das Internet
die Möglichkeit gefunden, direkt bei El Puente zu bestellen - eine anerkannte und
vertrauenswürdige FairTrade Organisation - und wir können wieder ein breiteres
Sortiment anbieten.
Es gibt noch eine weitere Warengruppe, auf die besonders hingewiesen sein soll, weil sie
über das in Eine-Welt-Läden übliche Angebot hinausgeht: Foto/Text-Karten
aus ,normalem' Handel, die wir aufgrund ihrer inhaltlichen Tiefe in unser Programm auf-
genommen haben - eine Idee aus der Inselkirche in Langeoog. Zu nahezu jedem Anlass
bieten sie einen Text: Glückwünsche, Tröstung, Ermutigung, Mitgefühl... und werden damit
oft zum wertvollen Lebensbegleiter.

Dank

Zum Abschluss seien Sie, liebe Leser, einmal ganz direkt angesprochen, unsere
Kunden und die, die es werden wollen: Ohne Sie wäre das alles nicht möglich gewesen!
Mit Ihrer Unterstützung, Ihrer Grossherzigkeit und Ihren Einkäufen tragen Sie den Haupt-
anteil an der Arbeit, die ein klares Zeichen für Menschenrechte und Nächstenliebe ist! Und
wenn durch unser aller Einsatz nur einer einzigen Person zu menschenwürdigen Lebens-
und Arbeitsbedingungen verholfen werden kann, so lohnt er sich schon!
Und das Besondere dieser Hilfe: Sie geschieht ,doppelt'! Da wir als Wiederverkäufer
Rabatte erhalten, erwirtschaften wir bei jedem Ihrer Einkäufe einen kleinen Überschuss,
den wir zu 100% für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellen.
Somit konnten S i e neben der Förderung von Kleinbauern in den 3. Welt-Ländern
durch den Kauf fairgehandelter Produkte zusätzlich mit uns gemeinsam folgende Arbeit
unterstützen :
Sozialbüro (Kinderhaus), Familien-/Strassenkinderfürsorge u. Reisanbau
(Philippinen), Handarbeits-Fraueninitiative (Indien), Tsunami-Opfer (Arbeitskreis SriLanka),
Windrad/Energie f. Afghanistan, Aidswaisenkinderversorgung (Afrika), Erlassjahr 2000
(Entschuldungskampagne 3.Welt-Länder), Rechte/Situation Textil-Arbeiter (Christliche
Initiative Romero), Waldschule (Kinderhaus), Umwelt-/Klimaschutzmassnahmen
(Markuskirche Kinderhaus).
Bei Ihnen wie auch bei den Entscheidungsträgern unserer Kirchengemeinde möchten wir
uns ganz herzlich bedanken für alle Unterstützung und Förderung!
Im März (9.-16.3.2014) wollen wir unser Jubiläum mit einer Festwoche (Jubelwoche)
feiern! Sie alle sind herzlich eingeladen!

 

H.Brune und Christel Meyer